Sucre

Von Potosi aus machen wir uns auf den Weg nach Sucre. Laut Verfassung ist Sucre die Hauptstadt von Bolivien, der Regierungssitz hingegen befindet sich in La Paz. Zusammen mit Leen und Stefaan aus Belgien fahren wir mit einem Stadtbus zum Busbahnhof. Wir sind ein wenig irritiert, weil die Fahrt eine gefühlte Ewigkeit dauert, aber kurz bevor der Bus abfährt kommen wir dann doch noch an. Schnell die Tickets gekauft, sitzen wir wenig später in einem – naja, es ist ein Bus, oder so was ähnliches. Die Fahrt dauert insgesamt rund 4 Stunden und führt durch Berg und Tal. Wenigstens haben wir eine schöne Aussicht, so dass die Fahrt ziemlich zügig vergeht. Gegen halb 2 kommen wir schließlich in Sucre an und können im Busbahnhof noch die zweite Halbzeit von Holland gegen Chile anschauen. Da wir fest mit einer Verlängerung rechnen, springen wir kurz vor Abpfiff in den nächsten Stadtbus und suchen eine holländische Kneipe auf. Dort erfahren wir dann, dass Holland die Entscheidung doch noch in der regulären Spielzeit erzielen konnte und ärgern uns ein bisschen, dass wir nicht noch fünf Minuten gewartet haben.

In der holländischen Bar „Joyride“ (es sollte noch unsere Stammkneipe in Sucre werden) gönnen wir uns zu viert eine gigantische Portion Fajitas und es schmeckt hervorragend! Vor allem die Guacamole ist Weltklasse! Also merken, wer nach Sucre kommt, unbedingt das Joyride aufsuchen!

Anschließend suchen wir uns eine Bleibe für die nächsten Tage und marschieren noch ein wenig durch die Gässchen von Sucre.

In dieser Nacht habe ich wieder sehr schlecht geschlafen, weil es ziemlich kalt war. Schön langsam nervt mich die Kälte und die fehlenden Heizungen ein bisschen. Hiermit erkläre ich offiziell, dass ich mich nicht mehr über die Winter in Deutschland beschweren werde, immerhin kann man daheim immer einfach die Heizung aufdrehen und man muss nicht mehr frieren. Nicht aber hier in Bolivien. Auch beim Frühstück im Innenhof ist es zapfig kalt und ich bin unendlich froh, als Hank die Dachterrasse erblickt und wir unser etwas mau ausfallendes Frühstück wenigstens in der Sonne zu uns nehmen können.

Danach erklimmen wir erstmal einen Aussichtspunkt der Stadt. Durch das stetige bergaufmarschieren wird uns ziemlich schnell gut warm. Glücklicherweise ist der Weg lohnenswert und der Mirador bietet einen herrlichen Blick auf die doch ziemlich überschaubare Hauptstadt. Einzig ein einzelner verirrter Skyscraper passt nicht so ganz ins Bild.

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Wir genießen ein wenig die Idylle, bis schließlich unsere beiden belgischen Freunde zufälligerweise auch noch dazu kommen. Scheint wohl ein typischer Touristenplatz zu sein. An einem angrenzenden Markt kaufen wir uns noch bolivianische Armbänder – die einzigen Souvenirs, die wir bislang auf unserer Reise gekauft haben: Armbänder aus sämtlichen Ländern. Viele Länder dürfen es nicht mehr werden, sonst kommen wir als Wolfgang Petry-Doubles zurück nach Deutschland!

Die hiesigen Museen lassen wir ausfallen, da ich mich selten so richtig zu einem Museumsbesuch aufraffen kann. Stattdessen schlendern wir weiter durch die Gässchen der Stadt und kommen dabei wieder an sämtlichen Kirchen und kolonialen Gebäuden vorbei. Wir schlendern durch den Markt, kaufen leckeren frisch gepressten Orangensaft, den es hier an allen Ecken für fast geschenkt gibt, als wir auf einmal wieder auf Marie treffen. Lustig, wie klein die Welt doch ist.  Nach einem netten Ratsch verabschieden wir uns und legen zentralen Marktplatz dann eine längere Pause ein und gönnen uns ein Mittagessen auf einer Sonnenterrasse. Ich wähle ein typisch bolivianisches Gericht, das aus Rindfleisch, Hühnchenfleisch, Wurst, Pommes frites, Zwiebeln, Paprika und einer Schaschliksoße besteht. Es schmeckt wirklich sehr lecker, nur wer diese Portion vertilgen soll, ist mir ein Rätsel. Ich bin komplett vollgemampft und mein Teller sieht aus, als wenn ich noch nicht mal angefangen hätte…

Anschließend treffen wir uns mit Leen und Stefaan wieder im Joyride, wo wir gemeinsam die Partie Deutschland gegen Algerien anschauen wollen. Passend zum Deutschlandspiel bestelle ich mir ein heimisches Erdinger Weißbier oder zwei oder drei…

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Nach dem Spiel wechseln wir die Kneipe und ich bin fast ein wenig enttäuscht, dass wir Mädels uns nicht durchsetzen können und der Abend nicht in einer Karaokebar endet…

Überraschenderweise ist mein Magen und auch mein Kopf am nächsten Morgen in einem einigermaßen guten Zustand, nur meine Unternehmungslust hält sich ein wenig in Grenzen. Nach langem Hin und Her können wir uns aufraffen und wir marschieren zum Friedhof. Auch dieser Weg geht wieder bergauf und es wird uns dabei gut warm. Unglücklicherweise stehen wir mal wieder vor verschlossenen Toren. Ab 14 Uhr können wir wieder kommen.

Fast schon gezwungenermaßen gehen wir dann zum Joyride und schauen Fußball und essen zu Mittag. Es dauert nicht lange, bis auch Leen und Stefaan uns Gesellschaft leisten. Es ist wirklich schade, dass wir uns nun von den beiden verabschieden müssen, denn wir hatten viel Spaß zusammen. Für die beiden geht es heute weiter nach Santa Cruz, was nicht wirklich auf unserem Weg liegt.

Am späteren Nachmittag starten wir dann nochmal einen Versuch und kehren zurück zum Friedhof. Erfreulicherweise haben wir diesmal mehr Glück und die Tore sind geöffnet. Schon irgendwie beeindruckend aber auch beängstigend, wie die Friedhöfe hier aufgebaut sind. Hier gibt es wirklich massenweise Gräber und teilweise klettern die Angehörigen mit Leitern zu den Ruhestätten ihrer Verstorbenen. Uns scheint es, als ob der Friedhof nach einem bestimmten System unterteilt wäre. Es gibt eine „Abteilung“ in der nur Kindergräber sind. Das schockiert uns schon ziemlich und gibt uns zu denken. Die Kindersterblichkeit bis zum 5. Lebensjahr ist in Bolivien aufgrund mangelnder medizinischer Versorgung sehr hoch. Vor allem Lungenentzündung oder Durchfallerkrankungen führen häufig zum Tode.

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Nachdem wir diese Information verdaut haben, machen wir uns wieder auf den Weg zurück ins Stadtzentrum. Wir wollen für den nächsten Tag noch einen Ausflug buchen. Leider sind die Optionen, die sich uns bieten allesamt relativ teuer und ein Pärchen, das den gleichen Ausflug machen wollte und uns somit die Möglichkeit eingeräumt hätte, günstiger wegzukommen, springt kurzfristig ab. Na toll und jetzt? Am Ende entscheiden wir uns, morgen auf eigene Faust die Stadt mit einem Bus zu verlassen.

Dieser Plan stellt sich am nächsten Tag aber als gar nicht so leicht realisierbar heraus. Wir irren eine gefühlte Ewigkeit umher, bis wir endlich den richtigen Bus finden. Und bis wir endlich aus der Stadt rauskommen, vergeht eine weitere Ewigkeit. Etwa 2 Stunden nachdem wir unser Hostel verlassen haben, erreichen wir den ca. 7 Kilometer entfernten Dinosaurier-Park. Hier wurden echte Spuren von Dinosaurier gefunden und der Park hat sich daher recht interessant angehört. Unglücklicherweise schaut die Realität aber etwas anders aus. Der Park ist eigentlich nur was für kleine Kinder, denn es gibt ein paar Nachbildungen von Dinos und das wars dann auch schon. Zu den Fußspuren kommt man nur mit einem Guide und die Tour ist erst in einer Stunde. Wir sind ziemlich enttäuscht und kehren dann schließlich wieder zurück in die Stadt. Im Nachhinein sind wir allerdings sehr froh, dass wir keine teure Fahrradtour hierher gebucht haben, denn das hätte sich nicht wirklich gelohnt.

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Zurück in der Stadt landen wir dann wieder beim Joyride. Meine heutige Wahl fällt auf Rinderfiletmedallions und ich muss sagen, die waren phänomenal! Very recommendable!! Bei diesem guten Essensangebot finde ich es fast schade, dass wir heute weiter reisen.

Wir verbringen die restliche Zeit bis zu unserem Aufbruch im Hostel und machen uns dann kurz vor Einbruch der Dunkelheit mit dem Stadtbus auf den Weg zum Busbahnhof. In diesem Bus passiert das, was kein Tourist erleben möchte. Wir steigen in einen relativ leeren Bus ein und platzieren uns mit den großen Rucksäcken so, dass wir möglichst einfach wieder aussteigen können. Nach und nach füllt sich der Bus und irgendwann sind alle Sitzplätze belegt, aber es steigen noch weitere Personen ein. Vor Hank stellt sich ein ziemlich seltsamer Typ, der ihm ständig vorm Gesicht rumwuselt. Wir denken uns dabei nichts weiter, da das Verhalten der Bolivianer sich grundsätzlich vom Verhalten der Deutschen unterscheidet. Selbst als ein Platz frei wird und der Bolivianer keine Anstalten macht, sich dort hinzusetzen werden wir nicht stutzig. Gleichzeitig werde ich von einer Bolivianerin angerempelt, die sich gleich fünfmal bei mir entschuldigt. Ein weiterer hantiert mit einem Stadtplan vor meinem Gesicht herum, aber auch das verwundert uns nicht weiter. Ich denke nur, hoffentlich montiert niemand meinen außen am Rucksack angebauten Schlafsack ab und bin erleichtert, dass dieser noch dran ist, als ich einen Check mache. Irgendwann leert sich der Bus dann wieder und die seltsamen Bolivianer steigen aus. Das ist der Moment, in dem uns der Grund für dieses merkwürdige Verhalten klar wird. Ich stelle entsetzt fest, dass mein kleiner Rucksack, der eigentlich sicher auf meinem Schoß platziert war, geöffnet wurde. Als ich dann einen kontrollierenden Blick hinein werfe, ob noch alles da ist, muss ich erschrocken feststellen, dass einer dieser Bolivianer tatsächlich mein spezielles Weitwinkelobjektiv geklaut hat. Wir sind beide fassungslos über diese Dreistigkeit und können immer noch nicht glauben, mit welchen Tricks hier die Touristen überlistet werden. Wir hatten überhaupt keine Chance, dieses Unglück zu verhindern und selbst wenn wir es gemerkt hätten, wissen wir nicht, was dann passiert wäre. Vielleicht hätten die ja zugeschlagen, man weiß es nicht. Zu diesem Zeitpunkt bin ich auf jeden Fall unendlich frustriert und Hank hat große Mühe daran, mich davon zu überzeugen, dass wir uns davon nicht unsere restliche Reise vermiesen lassen.

Am Busbahnhof bin ich dann besonders skeptisch, was unser Gepäck anbelangt und ich will mich versichern, dass unsere beiden Rucksäcke tatsächlich auch in den Bus kommen. Glücklicherweise tun sie das auch und so reisen wir mit dem verhältnismäßig guten Nachtbus von Sucre nach La Paz.

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